Finanzplanung: Grundregeln

 

Gier frisst Hirn

Sie sind reich! Zumindest statistisch. Natürlich sind manche reicher als Sie persönlich. Aber zumindest etwas Geld haben die meisten Deutschen angelegt.

Oft sind die Anleger mit ihren Anlagen nicht glücklich. Der klassische Zielkonflikt jeder Geldanlage ist schnell spürbar: leider gibt es sie nicht, die Geldanlage, die hohe Rendite bei minimalem Risiko und gleichzeitig jederzeitiger Verfügbarkeit bietet.

Häufig werde ich als Berate gefragt: „Was ist denn derzeit die beste Geldanlage?“ Ich antworte darauf immer mit einer Gegenfrage:
„Für wen?“

Denn entscheidend für die Auswahl der richtigen Geldanlage sind die individuellen Voraussetzungen, Ziele und Wünsche des
Anlegers.

Aus meiner Sicht ist der zentrale Punkt bei jeder Geldanlage der Zeithorizont: wer Geld zu einem klar definierten Zeitpunkt benötigt muss ganz andere Produkte auswählen als jemand, der auf längere Sicht sein Geld vermehren will.

Weitere wichtige Faktoren neben dem Faktor Zeit (oder anders formuliert dem notwendigen Grad der Liquidität), die bei der Auswahl der passenden Anlageformen eine wichtige Rolle spielen sind die Höhe des Risikos, das eingegangen werden soll und damit eng zusammenhängend die erwartete (erhoffte) Rendite. Vereinfacht gesagt: mit steigenden Renditen steigt auch das Risiko.

Allerdings ist es möglich, durch geschickte Zusammensetzung der verschiedenen Geldanlageprodukte steigende Renditen bei sinkendem Risiko zu erreichen. Dies wurde von Markowitz im Rahmen der modernen Portfoliotheorie schon 1955 dargelegt und in den letzten Jahren weiterentwickelt. 1990 gab es für diese Erkenntnisse den Wirtschafts-Nobelpreis.

Neben dem Risiko-Rendite-Aspekt sind persönliche Einstellungen wichtig: mit einer Geldanlage kann man durchaus auch eine Weltanschauung umsetzen. Dies ist nicht erst im Zeichen der Ökobewegung so, sondern schon seit den Anfängen privater Vermögensanlage. Immer gab es Menschen, die Geldanlagen ablehnten, weil sie die damit verbundenen Produkte oder Produktionsweisen ablehnten. Beispiele hierfür: Alkohol oder Prostitution, Glückspiel oder soziale Ausbeutung. Manchmal werden aus persönlichen Gründen Länder und ganze Regionen gemieden. Natürlich gibt es nicht nur die Negativauswahl, sondern bewusste Geldanlagen, um etwas zu fördern. Windenergie war in den Anfängen dieser Technologie zweifellos ein Beispiel hierfür, weil die darin enthaltenen Risiken in keinem Verhältnis zum zu erwartenden Ertrag standen (dies ist heute grundsätzlich anders).

Zentral ist auch die persönliche Situation und damit eng zusammenhängend die wirtschaftlichen und steuerrechtlichen Rahmenbedingungen. Niemand hat etwas von einem Anlageprodukt, das er nicht nutzen kann, weil es „sein“ Staat verbietet (beispielsweise Hedgefonds bis 2004 in Deutschland oder Investments in Libyen oder Kuba für US-Bürger). Und niemand will eine Geldanlage, die nominal zwar hohen Ertrag bringt, deren Ertrag aber zum größten Teil von Steuern aufgefressen wird. Oder durch die Inflation.

Geldanlage ist also immer eine höchst individuelle Entscheidung. Deshalb mein erster Tipp: hüten Sie sich vor allgemeinen (Geheim-) Tipps anderer. Sie müssen selbst auswählen und entscheiden!

Gier frisst Hirn!

Es ist seltsam und unverständlich: grundsätzlich sind die Deutschen zunächst sehr misstrauisch, wenn ihnen bei Geldanlagen mehr Rendite versprochen wird, als sie gewohnt sind. Wenn ich mit neuen Mandanten spreche, deren Ziele und Wünsche erfasst und ein Konzept erstellt habe, dann werden alle Vorschläge genau hinterfragt. Aber nur wenn ich beispielsweise behaupte, statt der zwei Prozent (oder derzeit teilweise noch weniger) auf dem Sparbuch, die sie bisher hatten, könnten sie mit meinen Vorschlägen ohne große Risikoerhöhung fünf Prozent erhalten. Dieses Misstrauen und das Hinterfragen sind sinnvoll und berechtigt. Grundsätzlich sollte sich niemand auf eine Geldanlage einlassen, die er nicht verstanden hat.

Interessant ist aber das Phänomen, dass besonders kritische Mandanten alle Hemmungen über Bord werfen, wenn ich Ihnen testweise statt fünf Prozent 40% verspreche und dies als „Geheimtipp“ verkaufe. Plötzlich erscheinen kleine Eurozeichen in den Augen und die Vernunft verabschiedet sich. Und so kommt es vor, dass jede Woche Menschen mit Geldkoffern über die Grenze in die Schweiz fahren, dort dieses Geld (meist ohne Quittung) jemandem übergeben, den sie nicht einmal kennen, nur weil er exorbitante Renditen verspricht. (Derzeit bietet jemand beispielsweise an, Ihr Geld innerhalb von 6 Monaten zu verfünffachen, natürlich ohne Risiko und ganz legal. Ich kann Ihnen die Telefonnummer geben. Allerdings auch die eines Mandanten, der es ausprobiert hat und seither auf sein Geld und seinen Gewinn aus der Anlage wartet – vermutlich für immer).

Geldanlage ist eine rationale Angelegenheit. Es gibt wissenschaftliche Regeln und Methoden, die es ermöglichen, Geldanlagen zu optimieren. Aber es gibt niemanden, der Sie reich zaubern kann.

Geldanlagen sollten nicht wie Glücksspiele angegangen werden!

Auch ohne wissenschaftliche Theorien und Untersuchungen sind im Laufe der Jahrhunderte wichtige Regeln Allgemeingut geworden. Vom Glückspiel kommt die Regel: setze nicht alles auf ein Pferd. Ähnlichen Inhalt hat auch die Aussage, dass man nicht alle Eier in einen Korb legen soll.
Dahinter steht das Grundprinzip, eine Verstetigung der Rendite bei sinkendem Risiko durch Streuung zu erreichen.
Klar ist: mit Streuung habe ich keine Chance auf den großen Hauptgewinn. Wer ausschließlich auf ein Anlageprodukt setzt, dort all sein Kapital investiert und dann das Glück hat, dass genau dieses Produkt die allerhöchsten Erträge einfährt, der hat alles richtig gemacht. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass jemand genau dieses Produkt findet? Wer nur auf ein Produkt setzt, der betreibt keine Geldanlage sondern Glückspiel.
Streuung wird heute von den meisten Anlegern durchgeführt. Aber leider ohne System. Denn entscheidend für das Erreichen des Anlageziels ist die richtige Streuung. Und wenn ich einfach von allem was es so gibt etwas habe, so ist dies nicht effizient.
Es gibt grundlegende Untersuchungen über die „richtige“ Streuung. Theorien, die inzwischen in der Praxis verifiziert worden sind und ständig verbessert werden. Weitgehend einig sind sich heute die Finanzexperten, dass eine sinnvolle Anlagestrategie auf den Erkenntnissen der modernen Portfoliotheorie aufbauen sollte, wie sie von Markowitz, Sharpe, und Miller entwickelt wurde, die hierfür 1990 auch den Wirtschaftsnobelpreis erhalten haben. Deren Theorien wurden inzwischen verfeinert und erweitert und für die Praxis nutzbar gemacht. Aber im Kern gelten deren Erkenntnisse noch immer.

Grundregeln für Geldanlagen:

  • Streuung in verschiedene Anlageklassen: das Vermögen muss entsprechend den persönlichen Voraussetzungen, Zielen und Wünschen in verschiedene Asset-Klassen (Asset = Anlageform) aufgeteilt werden. Die Asset-Allocation (Englisch ist inzwischen die Standardsprache der Finanzwelt) ist der entscheidende Faktor bei der Kapitalanlage.
  • Korrelation: die verschiedenen Asset-Klassen verhalten sich in ihrer Entwicklung unterschiedlich, manche Asset-Klassen entwickeln sich allerdings je nach Marktsituation ähnlich oder beispielsweise genau entgegengesetzt. Risiken können also bei geschickter Wahl der Asset-Klassen verringert werden, ohne dass darunter die Gesamtrendite leidet.
  • Volatilität: das Risiko einer Geldanlage ist messbar. Das Maß des Risikos ist die Schwankungsbreite um eine mittlere Rendite, die Volatilität. Diese ist über längere Zeiträume zu beobachten und zu vergleichen. Die Gesamtvolatilität eines Portfolios sollte durch die Vermögensstrukturierung niedrige sein als die Volatilität der einzelnen Asset-Klassen für sich.
  • Kennzahlen: innerhalb der Asset-Klassen können die Anlageprodukte über Kennzahlen verglichen werden. Die bekanntesten sind beispielsweise das Sharpe-Ratio, Jensens-Alpha oder das Information-Ratio. Mit diesen Kennzahlen kann je nach vorgegebenen Renditeerwartungen und Zeithorizonten das objektiv beste Produkt (oder die beste Produktkombination) innerhalb der Asset-Klasse ausgewählt werden.
  • Vergangenheit und Zukunft: das grundsätzliche Problem all dieser Kennzahlen ist ihr Vergangenheitsbezug. Berechnet werden kann nur das, was in Zahlen konkret zu erfassen ist. Und dies ist eben nur mit Werten aus der Vergangenheit möglich. Die Zukunft kann man erwarten und die zu erwartenden Zahlen schätzen. Aber je weiter in die Zukunft die Schätzungen gehen, umso unpräziser werden sie. Deshalb müssen auch die erwarteten Zahlen in der Realität permanent überprüft werden. Anders ausgedrückt: eine Anlageentscheidung die ich heute treffe, muss regelmäßig auf Veränderungen bei den Kennzahlen geprüft werden. Der alte Tipp: Geld anlegen und schlafen gehen und sich nach dreißig Jahren über ein großes Vermögen freuen ist ineffizient! (man könnte auch sagen: falsch).
  • Notwendigkeit von Spezialisten: der normale Privatanleger kann die für eine rationale Geldanlage notwendigen Informationen häufig nicht beschaffen und schon gar nicht verarbeiten. Hierzu muss heute (wegen der Unmenge der Daten) leistungsfähige Software eingesetzt werden, deren Erwerb sich für einen normalen Privatanleger nicht lohnt. Aber selbst bei Einsatz dieser Software fehlt dann beim Privatanleger das notwendige Fachwissen.
    Helfen kann hier nur ein fachlich gut ausgebildeter und ständig fortgebildeter Spezialist mit umfassendem, neutralem Marktzugang. So wie ein Patient mit den Daten seiner Untersuchung kaum etwas anfangen kann, der qualifizierte Arzt aber schon, so wie bei Steuerfragen ein Steuerberater mit seinen Fachkenntnissen aus den Mandantendaten mehr herausholen kann als der Mandant selber, so sollte bei privaten Finanzen ein qualifizierter Finanzplaner den Privatanleger unterstützen.
  • Beratungskultur und Neutralität: Wie dargestellt, ist der entscheidende Faktor bei der Geldanlage die zielgerichtete Strukturierung des Vermögens in verschiedene Asset-Klassen. Interessant dabei ist, dass im reichen Deutschland die wenigsten Anleger die für eine Geldanlage grundsätzlich möglichen Asset-Klassen genauer kennen. Hier fehlt in Deutschland die in vielen anderen Industriestaaten vorhandene Anlagekultur. Und eindeutig auch die notwendige Beraterkultur. Finanzanlagen werden in Deutschland immer noch überwiegend nach Beratung durch Bank-„beamte“ oder Ausschließlichkeitsvertreter von Versicherungen oder Bausparkassen vorgenommen. Häufig bedeutet Beratung dann lediglich der Verkauf von Produkten der Produktgeber (Banken, Versicherungen, Bausparkassen), an die der „Berater“ gebunden ist.
    Ein ganzheitliches Konzept bei der Geldanlage kann so nicht entstehen. Hierzu ist eine klare Trennung zwischen Produktgeber und Berater notwendig. Der Berater muss absolut neutral sein und möglichst alle auf dem Markt verfügbaren Produkte seinen Mandanten beschaffen können. Nicht nach dem Kriterium der Zufriedenheit des Produktherstellers sondern nach objektiven Kennzahlen und Leistungsnachweisen.


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